Re: hoax!? Re: Linux wins Prix Ars due to MICROSOFT INTERVENTION


Subject: Re: hoax!? Re: Linux wins Prix Ars due to MICROSOFT INTERVENTION
From: Hannah Bosma (hannah@hum.uva.nl)
Date: Mon Sep 06 1999 - 15:20:13 EDT


See also:

http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/sa/3424/1.html

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Email-Fälscher spielt Ars Electronica bösen Streich

Armin Medosch 06.09.1999
War dies der letzte Internet-Hoax, dem noch jemand geglaubt hat?

 

Pünktlich zum Höhepunkt des diesjährigen Ars-Electronica-Festivals in Linz
landete eine Email in der Inbox der kunstinteressierten Netzbevölkerung.
"Ars Electronica als Spielwiese für Unternehmens-Strategien", brüllte die
Überschrift in Grossbuchstaben. Danach folgte Aufklärung darüber, warum
sich vier der fünf Juroren der diesjährigen Entscheidung über den Prix Ars
Electronica in der Kategorie .net (so schreibt man heute Netzkunst)
nachträglich distanzierten.

Die Juroren hätten erfahren, dass das Festivalthema für das nächste Jahr
"Open Source" sei. Zugleich sei bekannt, dass wichtige Sponsoren des
Festivals (Siemens, Microsoft, Oracle, HP u.a.) ein
Gemeinschaftsunternehmen für eine Linux-Distribution planten, welche
ernsthafte Konkurrenz zu Red Hat und SuSe werden solle. Diese Fakten (deren
tatsächliche Faktizität fraglich ist), verbunden mit Details über den
Verlauf der Jury-Entscheidung würden vermuten lassen, dass zumindest ein
Jury-Mitglied im Auftrag der Sponsoren argumentiert hatte. Danach folgten
noch einige sympathische Formulierungen über böse Oligopole und warum man
nun zu handeln verpflichtet sei. Verschickt wurde die Email vom/über den
Account von Marleen Stikker, Leiterin der "Society for Old and New Media",
De Waag, Amsterdam, und als Organisatoren der "Next 5 Minutes" eine weithin
angesehene Netzpersönlichkeit. Der Keim des bösen Verdachts, dass
Grossunternehmen ihre Sponsorenrolle für ihre strategischen
Firmeninteressen nutzen - und das nicht nur immeteriell via
"Öffentlichkeitsarbeit" sondern ganz konkret, war damit in Umlauf gebracht
worden.

Hoax als Kunstform

Hatten schon der Ton der Email und einige Rechtschreib- und Syntaxfehler
zumindest leises Misstrauen erweckt, so genügten zwei Telefonate, um
herauszufinden, dass wieder einmal ein böser Internet-Hoaxer zugeschlagen
hat. "Hoax" ist ein Streich, der meist damit einhergeht, dass der Übeltäter
eine falsche Identität annimmt oder einen Vorgang suggeriert, der
eigentlich gar nicht stattfindet. Dieses Spiel mit Identitäten hat im
Internet grosse Tradition, da Email-Header leicht zu fälschen sind (was
allerdings auch leicht herauszufinden ist), und da es auch relativ einfach
ist, einen Mail-Server so zu mißbrauchen, so dass die gefälschte Email
tatsächlich über den Account einer nichtsahnenden Person verschickt wird
(Spam-Software, welche diese Arbeit erledigt, gibt es massenweise).

Nicht erst seit Netzkunsttagen hat diese Form der Verstellung auch eine
grosse Tradition in der Kunst. Zumindest seitdem es eine freie Presse gibt,
benutzen Künstler derartige Maskeraden, um sich gegenseitig anonym zu
beflegeln oder unter falscher Identität einem Verleger oder Galleristen
eins auszuwischen. Spätestens seit Dada und Marcel Duchamp und
wiederaufgewärmt zu Zeiten von Konzeptkunst und Mail-Art wurde daraus eine
regelrechte Kunstform. Nichts ist nahliegender, als diese Strategien
künstlerischer und technologischer Maskerade im Internet zusammenzuführen.

Der Niedergang der Hoax-Kultur

Anfang 1998 verschickte ein anonymer Hoaxer Emails unter den Identitäten
von Timothy Druckrey und Mark Amerika. Allerdings gelang der Streich nicht
so gut, da sowohl Druckrey als auch Amerika einen ganz spezifischen
Schreibstil pflegen, der nur von einem Genie glaubhaft zu fäschen wäre.
Dennoch war die Aufregung in Kunst- und Theoriekreisen relativ gross und
Gegenstellungnahmen erfolgten. (siehe dazu "Schnell, billig und außer
Kontrolle", sowie das letzte Drittel von Mark Amerikas Kolumne AOL#8)

In jüngster Vergangenheit wurden Empfänger der Liste "Syndicate" von einem
"üblen Streit" zwischen den Nettime-Moderatoren Ted Byfield und Geert
Lovink "schockiert". In Einzeilern beschimpften sich diese als "assholes".
Kaum jemand fiel noch darauf hinein. Denn erstens sind Lovink und Byfield
wohl zu intelligent und diplomatisch versiert, um sich in so primitiver
Form öffentlich zu streiten und zweitens waren die Mail-Header nicht gut
getarnt - schnell war klar, dass die Mails über einenen Web-Remailer auf
einem schwedischen Server verschickt worden waren, Ausgangspunkt vermutlich
eine Kunsthochschule in Trondheim, Norwegen.

Nicht nur die technische Ausführung ist entscheidend für einen gelungenen
Hoax, sondern vor allem auch die inhaltliche Zuspitzung der
Unterstellungen. Diesbezüglich hatte der Ars-Electronica-Hoaxer gar nicht
so schlechte Karten. Querverbindungen zwischen Sponsoren und inhaltlicher
Gestaltung werden in bestimmten Kreisen der europäischen Netzszene sowieso
vermutet. Die Preisverleihung eines Kunstpreises für ein Betriebssystem
hatte wirklich einen seltsamen Beigeschmack. Die Vermutung, dass
Industriegiganten sich zusammentun, um die Linux-Distribution in die Hand
zu nehmen, ist auch nicht völlig aus der Luft gegriffen, ebensowenig wie
die Strategie, eine derartige Strategie via Kunst als sogenanntes "Viral
Marketing" zuerst zu lancieren. Nicht wenige Empfänger der Mail werden
diese als Bestätigung rumorender Vermutungen gelesen und dies - zumindest
einige Minuten lang - auch geglaubt haben.

Doch zugleich haben uns die zahlreichen Hoaxes, denen wir bereits
aufgesessen sind, alle misstrauisch gemacht. Wer glaubt noch einer Email,
auch wenn sie gut getarnt ist? Es scheint, dass auf lange Sicht die
Leichtigkeit, mit der ein Hoax im Internet anzustellen ist, den Hoaxern
eigentlich das Wasser abgräbt. Checken und nochmal checken, ist die Devise
geworden, wenn nötig auch mit konventionellen Kommunikationsmitteln wie
Telefon, die den Vorteil haben, eine unmittelbare Reaktion zu verlangen.
Fazit: Die Zeit der kunstvollen Internet-Hoaxes ist wohl bereits vorüber.

Business as usual

Inzwischen geht die zwanzigste Ars Electronica ihren gewohnten Gang. Heute
findet der zweite Symposiumstag über Life Sciences statt. Das Symposium sei
gut besucht, ebenso wie Ausstellung und Abendprogramm, ließ Frau
Dr.Christine Schöpf vom ORF wissen. Leider kann Telepolis nicht dabei sein,
da sich angesichts der repetitiven Themenstellung (dreimal gab es in den
neunziger Jahren bereits Themen, die mit dem diesjährigem Thema eng
verwandt sind, Artificial Life, etc.) eine gewisse Ermüdung des Interesses
an Berichterstattung eingeschlichen hat. Wer wollte schließlich den
Veteranen unter den Medienkunstfestivals für die immer gleichen
Fehler/Verfehlungen geißeln, ohne selbst dabei langsam alt auszusehen? Ein
knackig frecher Hoax beizeiten - nächstesmal aber etwas besser ausgeführt
bitte - macht das Netzleben wieder spannend.

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